Wie tief sitzt die Nazi Schuld?

“Ich habe damit nichts zu tun. Ich war nicht dabei. Und ich habe nichts getan.” - ist wohl das was ich am häufigsten höre und auch selber sage, wenn es um dieses Thema geht. Als Deutsche liegt dieses Thema auf der Hand. Ein diffuses schlechtes Gewissen gepaart sich mit der Angst, das wir das noch einmal wiederholen.

Ich will nicht Schuld sein.

Und ich will nicht, das meine Familie Schuld ist.

Doch die Wahrheit ist, es ist sehr wahrscheinlich.

Meine Großeltern leben nicht mehr. Nur eine Oma habe ich noch, die demenzkrank im Altenheim leben muss.

Ich habe also nicht viel Möglichkeit in meiner Familie zu forschen.

Und dennoch, dieses Thema bedrückt mich, lastet auf mir, ich kann die Schwere spüren, sobald es aufkommt und die Angst, das sich all das wiederholt, wenn ich mir die Nachrichten, die Politik und die socials angucke. Ich habe Angst.

Eine Angst, die nicht meine ist, natürlich nicht meine sein kann, denn ich habe zu der Zeit noch gar nicht gelegt. Auch meine Mutter und mein Vater nicht. Nicht einmal meine Großeltern.

Und doch reagiert mein Körper auf dieses Thema.

Ich habe mir dafür einen Termin bei einer meiner Therapeutinnen gemacht (ja, ich gehe zu mehreren - je nach Thema, je nach Gefühl) und will herausfinden woher dieses Gefühl kommt, wo das Gefühl sitzt und welche Erinnerungen meiner Familie noch in mir wirken.

Denn auch wenn ich noch nicht gelegt habe - meine Familie hat gelebt. Meine Ahnenreihe. Meine Vorfahren. Meine Gene kommen nicht aus dem nichts, sind nicht unbelastet entstanden.

Doch zum ersten Mal frage ich mich wirklich: Wie tief sitzt die Schuld?

Oder ist es vielleicht gar keine Schuld?

Ich bin durchaus bereit zu sehen, dass meine Familie sich schuldig gemacht hat in dieser Zeit. Und ich verstehe das, werde nicht behaupten, dass ich zu dieser Zeit, in dieser Umgebung und mit dieser Erziehung anders gehandelt hätte. Zu gefährlich war es auch sich gegen die Massen zu bewegen.

Dennoch komme ich auch nicht umhin mich zu fragen, ob meine Familie viellicht jüdischer Abstammung ist. Nicht Täter, sondern Opfer war.

Ein Hinweis darauf ist der Fakt, das mein Nachname vermehrt in Amerika und Kanada anzutreffen ist, während die genaue Herkunft hier nicht mehr wirklich zu finden ist. Damals sind viele Menschen nach Amerika geflohen. Zumindest all jene, die die Chance hatten.

Und auch ein anderes Erlebnis lässt mich vermuten, nicht das Gefühl der Täter in mir zu tragen.

Eines Abends sah ich ein Tattoo, das ich schön fand und mir zum Test selbst aufmalte. Es war ein Wort “bruja” (spanisch für Hexe) welches ich mir oberhalb der Hand auf den Unterarm schrieb. Die Reaktion darauf traf mich wie ein Schlag, denn ich hatte nicht damit gerechnet, malte, weil ich es schön fand und mit dem Gedanken spielte es mir auch stechen zu lassen.

Doch mein Körper war da gant anderer Meinung.

Das schreiben fiel mir mit jedem Buchstaben schwerer. Zum Glück waren es nicht so viele.

Sobald das Wort dort stand, in schwarz und noch vor Feuchtigkeit leicht glänzend, blieb mir die Luft weg. Ich konnte nicht mehr atmen. Stattdessen starrte ich mich weit aufgerissenenen Augen auf dieses Wort auf meinem Arm. Und Panik breitete sich in mir aus. Eine Panik, die ich bisher nicht kannte.

Ich dachte: “Das wars. Jetzt könnens alle sehen. Ich kann es nicht mehr verstecken. Jetzt kommen sie mich holen. Jetzt werde ich eingesperrt, mir wird schlimmes passieren. Ich bin nicht mehr sicher. Ich kann mich draußen nicht mehr zeigen.” Wer “sie” sein sollten, weiß ich nicht. Mein Vertrauen in die Menschen, in unsere Kultur, in unserer freies Leben in diesem Land war wie weggeblasen. Ich hatte Angst. Eine lebensbedrohende, lähmende Angst, dass es sich jederzeit wiederholen könnte. Das es keine Garantie dafür gibt, das ich sicher bin. Das sie es sich jederzeit anders überlegen könnten. Mit “sie” meinte ich in diesem Fall konkrekt eine undefinierte Masse von Männern. Es war ein intensives Gefühl und die Gedanken waren mir gänzlich neu, zum Atmen musste ich mich zwingen, zum Ruhige bleiben auch. Sobald ich mich wieder bewegen konnte, versuchte ich dieses Wort auf meinem Arm abzurubbeln, Tränen stiegen mir in die Augen, als sich nichts tat. Selbstverständlich war ein Teil in mir noch da und hatte den absolut logischen Gedanken, dass es sich eben nicht um tattoo handele, sondern um ein geschriebenes Wort, das ich jederzeti mit Wasser abspülen konnte. Mein Körper jedoch reagierte nicht mehr auf diesen Teil meines Bewusstseins. Ich war in einer absoluten Überlebensreaktion. Alle meine Pläne, meine Ziele für mein Leben und meinen Beruf, der Plan mich selbstständig zu machen, löste sich in Luft auf, denn alles was zählte war das: Ich muss unter dem Radar bleiben. Wenn keiner weiß, das es mich gibt, bin ich sicher.

Und ich kenne diese Angst, dieses Verhalten von früher, kenne es auch von anderen. Doch konnte ich es nie mit dieser Zeit in verbindung bringen.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, ist es mir völlig klar, absolut logisch. Wir verdrängen. Auch diese Generation verdrängt noch. Lieber beschäftigen wir uns mit noch älteren Wunden (z.b. der Hexenverfolgung) als mit der Nazi Zeit. Wir wollen die Schuld nicht anerkennen. Wollen nicht sehen, was unsere Familien getan haben. Wollen nicht sehen, was unsere Linie Schuld auf sich geladen hat, der allerschlimmsten Art. Wollen nicht mit dem konfrontiert werden, was unseren Vorfahren vor noch gar nicht allzu langer Zeit passiert ist.

Und ich verstehe das.

Es tut weh.

Es ist beschämend.

Es ist zutiefst verletzend.

Und doch glaub ich, das es Zeit wird.

Ich glaube, das wir endlich hinsehen, endlich akzeptieren, endlich integrieren dürfen was geschehen ist.

Auch wenn wir nicht dabei waren - wir tragen die Last unserer Reihe. Und davon dürfen wir uns befreien.

Als ich zufällig den Trailer hörte vom Podcast “Opa, lass reden - eine deutsche Geschichte” reagierte etwas in mir. Ich wurde hellhörig, neugierig. Ich hörte alle Folgen hintereinander. Und wieder reagierte mein Körper. Ich spürte sie, die Trauer, die Scham, den Schmerz, die Angst und auch die Kälte. immer wieder sagen sie, das die Winter in dieser Zeit besonders kalt waren. In unserer Familie gibt es Fluchtgeschichten, das weiß ich. Flucht bedeutete immer auch Kälte, bedeutete immer auch Angst, Hunger und Armut. Obdachlosigkeit und Krankheit. Und das Gefühl, nich erwünscht zu sein. Bis zum Tode unerwünscht.

Ich sehe die Spiegel in meiner Linie, sehe Verhaltensmuster, die ich damit verknüpfen kann.

Und doch weiß ich nicht: Waren wir Täte oder Opfer dieser Zeit? Oder vielleicht beides?

Und: Ist das überhaupt wichtig?

Bild von Todd Trapani