Aller Anfang ist schwer

 - ist das so?

Ein Anfang kann auch schön sein.

 

Ich stehe gerade an einem Anfang. Schon wieder. Nicht das erste Mal, natürlich. Und mit Sicherheit nicht das Letzte Mal. Aber mit 32 Jahren doch um einiges entspannter als noch mit 22 oder 17.


 

Anfänge sind aufregend. Sie können Angst machen. Sie sind der Beginn in etwas neues, ungewisses. Wenn wir anfangen, können wir noch nicht. Wenn wir anfangen, haben wir noch keine Routine. Wenn wir anfangen, dann ist alles neu. Unbeschrieben.

 

Eine leere Leinwand, die von uns mit Farbe gefüllt werden will. Und wie beim Malen auch, kippst du nicht alle Farbe zeitgleich auf das Bild, sondern gehst Stück für Stück für Stück. Sorgst für layers, ergänzt, veränderst, entscheides im Prozess, wenn das Bild immer weiter entsteht und meist in eine ganz andere Richtugn geht, als vorher geplant. Wir können am Anfang noch nicht sehen, was wir nach den ersten Schritten, den ersten Pinselstrichen sehen können. Das Bild verändert sich. Unsere Sicht darauf auch.

Meine Leinwand hat so etwas wie eine Skizze. Mit Bleistift male ich behutsam meine Idee darauf, radiere noch hin und wieder an der ein oder anderen Stelle, pausiere, überlege neu. Und ich weiß, wenn die Farbe kommt, wir diese sachte und noch sehr zögerliche Skizze verschwinden. Und das ist okay. Denn irgendwo muss man ja anfangen, richtig? Und nichts kann mehr blockieren als ewig auf dieses weiße Bild zu starren. Irgendwann muss ein erster Strich, ein erster Punkt, eine Linie gesetzt werden, um die Perfektion der Leere, des Fehlens zu zerstören. Und etwas neues zu schaffen. Denn es war auch vorher schon etwas. Nur eben etwas anderes. Es war nie nichts.

An diesem Anfang stehe ich gerade. Und ich gucke schmunzelnd darauf. Wissend, das meine Skizze keinen Bestand hat. Ich spüre die Aufregung des neuen, den Reiz, dieses besondere Gefühl, das ich nur dann bekomme, wenn ich etwas tue, das ich auch wirklich tun will und das mir entspricht. Voll und ganz mir. Ohne Vorgaben. Ohne Einschränkungen. Ohne Rahmen. Und wenn eine Leinwand nicht reicht, stelle ich eine zweite, dritte, vierte und auch eine zwanzigste daneben. Denn ich entscheide. Diese Freiheit erfüllt mich. Lässt mich lächeln. Und auch, wenn ich aufgeregt bin, fühle ich eine Ruhe in mir, die es bisher nicht gab. Die Ruhe, die nur die fühlt, die auf dem richtigen Weg ist. Etwas tut, das dem eigenen Sein entspringt.

Dem ureigensten Kern.

Dieser Anfang ist wahrlich schön. Noch nie bin ich einem Anfang, einem Neubeginn, einer Ungewissheit so entspannt entgegen geschritten. Immer war ich nervös, ängstlich, besorgt, unsicher und wurde hektisch. Mein Atem ankert. Mein Atem macht den Unterschied. Verkörperung. Mein Körper hat keine Angst mehr vor neuem. Ist geerdet. Gut verwurzelt.

Und dieser Anfang ist schön, eine wahre Freude.

Ich habe schon so einiges angefangen in meinem Leben. Und mindestens genauso viel nie.

Ich habe Phasen durchlebt, Dinge probiert, bin gescheitert und habe aufgehört.

Weil ich nicht bereit war.


Ich wusste es immer.

Eine kleine, leise Stimme in mir hat es mir immer wieder und wieder zugeflüstert.

Doch ich war nicht bereit sie zu hören, auf sie zu hören. Wollte nicht. Konnte nicht.

Es ist verrückt, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich jedoch darüber nachfühle, ergibt es einen Sinn.

Diese Stimme, das war ich. Mein wahres ich. Meine Intuition.

 

Sie ist schneller als mein Ego, beantwortet Fragen, bevor ich sie fertig gestellt habe. Mein Ego kommt nicht mir, versteht nicht, vertraut nicht. Doch ich weiß es besser. Ich habe gelernt. Vertrauen braucht Zeit und es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich vertraue dieser Stimme immer. Nicht selten ist mein Ego noch lauter. Doch ich höre sie. Und ich höre zu. Und hier und da folge ich ihr. Das ist der Unterschied.

Unser Gefühl dagegen hat andere Möglichkeiten,

 schwingt mit dem Leben und nicht nur mit sich selbst, genießt die Erfahrung, will sich selbst erfahren und probieren und sieht im scheitern keinen Verlust, sondern eine Chance. Und die Verbundenheit, die dadurch entsteht. Die Verletzbarkeit und die Magie, die dadurch möglich wird. Verwundbar zu sein, offen und ehrlich, ist beängstigend. Oder befreiend?

 

Denk daran, die Dinge haben immer zwei Seiten. Aufregung und Angst kann das gleiche Gefühl mit verschiedenen Namen sein. Und lass dir nicht erzählen du könntest das jederzeit wählen. Dein Körper reagiert, ob du willst oder nicht. Und wie er reagiert, entscheidet meist nicht dein Kopf. Sondern deine Erfahrung. Dein erlebtes. 

Zu glauben am Anfang schon perfekt sein zu müssen, erst zu beginnen, wenn das Ende klar ist, der Erfolg schon da und der Jubel auch, ist ein Trugschluss unseres Egos, das oh so sehr nicht scheitern will. Unser Ego, das so viel Angst davor hat einzugestehen, das etwas nicht geklappt hat oder nicht so wurde, nicht so lief, wie es gedacht hatte oder das es einfach eben doch nicht das Richtige für uns ist. Unser Ego will perfekt sein, ist sehr eitel und sehr unsicher.


Es ist okay, wenn du erst noch etwas Zeit brauchst,

 wenn du Erfahrungen noch integrieren darfst, Blockaden auflösen und das Licht in den Schatten in die bringen. Es ist okay. Du hast es nicht eilig. Leben hat keine Uhr. Don’t start before you ready but when you are. Und dafür musst du es mitkriegen. Und dafür braucht es eine Basis. Ich verstehe das. Ich habe schon oft angefangen. 10 Jahre lang. Immer wieder. 10 Jahre voller Anfänge und voller scheitern. An mir selbst. Immer und immer wieder. Ein Schritt vor. Zwei Schritte zurück. So hat sich mein Leben bisher angefühlt. Und das war frustrierend. Und hätte ich gewusst, was ich heute weiß, wäre es nicht so gewesen. Aber ich wusste es nicht. Und es war so. Und das ist okay. Mein Timing ist nicht dein Timing. Mein Prozess ist nicht dein Prozess. Doch du bist jetzt hier. Und das ist ein Zeichen. Ein Zeichen für dich. Und ein Zeichen für mich. Anzufangen. Loszugehen. Den ersten Schritt zu tun. Ich hab dich.

Fotocredits Pexels: Anna Shvets; Secret Garden; cottonbro studio; eberhard grossgasteiger; Julia Avamotive; La Miko; Evie Shaffer